Cat‘s Guest

oder

Katzenbesuch und Thunfisch stinken nach sieben Stunden

Von Isabella Renitente

 

Seit elf Tagen sind die neuen Babys da: die dicke Amanda mit den viel zu kurzen Beinen und dem quer gestreiften Stummelschwanz, die hübsche Anna Bell mit dem cremefarbenen Fleck auf dem Rücken und Anton, der als erster die Augen aufgerissen und seine neue Welt bestaunt hat. Endlich! Endlich kommt grünes Licht aus dem Querencastle für die erste Kittenbesichtigung. Am Donnerstagabend nach dem Büro. Und Sir Henry darf mitkommen. Hurregottneja!

Sir Henry wird bei der Tochter des Hauses zum Kinnkraulen und Toben im Kinderzimmer einquartiert. Wow! Cool! Der Service hier ist erste Sahne. Allererste Sahne. Wie das hier riecht! Phänomenal! Und schon verschwindet Sir Henry unter dem Bett. Mal sehen, was er da so alles findet. Vermißt jemand seine Socken? Seine Slipeinlagen? Bällchen? Einen Sektkorken? (Was macht der denn da?). Und nein, er möchte jetzt nicht gestört werden. Er möchte auch noch unter das Regal und hinter den Kleiderschrank. Nach dem Rechten sehen. Und für alle Fälle auch nach dem Unrechten. Wenn bitte schon mal jemand den Schrank von der Wand rücken würde? Ja? Wann Ellie of Saint Martin’s Field kommt, will er dann noch wissen. Und ob sie Al Capone mitbringt.

Vor der Tür schleichen derweil Eisbär und Freddy auf und ab. Mißgestimmt. Äußerst mißgestimmt. Ein fremder Kater ist im Haus! Hund und Sau! Und das stinkt ihnen, das stinkt ihnen ganz gewaltig. Der wird da drinnen gekrault und gestreichelt (oh, ist der verschmust!). Womöglich frißt der noch ihr teures Vollwertfutter. Oder die Leckerchen. Hört katze es nicht knistern und rascheln? Ist das etwa die Tüte mit den Dreamies? Den wertvollen Dreamies? Mit Lachs? Huahhhh! Und Eisbär muß dann wieder Kohldampf schieben. Das geht nicht. Das geht gar nicht.

Vielleicht mal an der Tür kratzen. Oder ein bißchen fauchen und heulen. Oder … besser noch … an den Türpfosten pinkeln. Hinten rechts, wo das so schwer wieder weg zu wischen ist. Damit klar ist, wer hier Cheffe ist. Wenn katze die Cheffrage denn dann mal innerbetrieblich geklärt hat. Eisbär ist ja der Ältere. Er könnte Cheffe sein. Freddy ist der Potente. Auch er könnte Cheffe sein. Derzeit ist die Situation noch ungeklärt. Freddy riecht wie Cheffe. Und Eisbär frißt wie Cheffe.

Vielleicht zur Vermeidung einer blutigen Auseinandersetzung in diesem Fall einen felinen Schulterschluß demonstrieren? Gemeinsam gegen die Bedrohung von außen? Eine Doppelspitze bilden? Die dann die Verantwortung für die Familie trägt. Auch für die Katzen und die Babys. Und dann dem frechen Fremdkater im Doppelpack gegenübertreten. Mutig und in Würde. Was der dann für Augen macht und den Schwanz einkneift. Das stellen sie sich gerne schon mal vor. Und für alle Fälle bleiben sie in der Nähe der Tür. Eisbär im Arbeitszimmer. Freddy unter dem Ehebett. Im Schatten. Wo ein großer schwarzer Kater nicht gleich so auffällt.

Sir Henry stört der Aufmarsch vor dem Kinderzimmer wenig. Er ist auf Besuch. Er darf alles ansehen, alles anpfoten, alles beschnüffeln. Und wird dafür dann auch noch gestreichelt und gekrault. Wow! Ist das ein Tag! Halleluja!

Ob Al Capone auch da ist, will er noch wissen. Ja? Wie?

Coco vom Reiherteich residiert mit ihren Babys und Gracey separiert in der guten Stube. Die Kater dürfen da jetzt nicht mehr rein. Männer machen ja nur Ärger und Dreck. Und das hat ihr gerade noch gefehlt. Dauernd stehen die einem im Weg. Lassen überall ihr Spielzeug herum liegen. Fressen katze das gute Kittenfutter weg. Erschrecken womöglich noch die Kleinen. Und dann weinen die Babys vielleicht noch (Wer ist der schüchterne große schwarze Kater vor unserem Bett?). Das geht nicht. Das geht gar nicht.

 

Wie immer ist Coco äußerst mißgestimmt, als sie sieht, daß Besuch da ist. Klettert auf den Kratzbaum und schaut mit schmalen Lippen über den Rand der Plattform (Was, bitte, verstehen Sie unter angepißt?). Besuch im Haus! Und keiner hat ihr vorher was gesagt. Das ist unerhört. Unerhört! Sie ist nicht geschminkt. Das Fell sitzt nicht wie es soll. Sie ist sehr schlank durch die kraftzehrende Mutterschaft. Ihre Pokale sind nicht poliert. Von einem Pokal hat sogar Gracey mal wieder den Deckel herunter gefegt, dieses kleine Biest. Und ihr Straßhalsband findet sie auch gerade nicht. Also bitte, sehr geehrte Damen und Herren von der Presse, keine Fotos heute. Keine Fotos! Madame ist indisponiert. Fragen ja! Fotos nein! Und Fragen auch nur nach Anmeldung und Genehmigung durch die Geschäftsleitung.

Es irritiert Coco vom Reiherteich, die Rampenkatze, daher außerordentlich, daß das allgemeine Interesse weniger ihr als dem entzückenden Nachwuchs gilt. Zwei Körper ziehen sich aufgrund ihrer Masse gegenseitig an. Je größer die Masse, desto größer die Anziehungskraft. Coco vom Reiherteich wiegt immer noch deutlich mehr als ihre drei Babys zusammen. Rein physikalisch betrachtet, müßte sie daher alle Aufmerksamkeit der Besucher uneingeschränkt auf sich ziehen. Dachte sie. Bis ihr jemand erklärt, daß nach der allgemeinen Relativitätstheorie ein Gegenstand, auf den nur Gravitationskräfte ausgeübt werden, sich zwischen zwei Ereignissen stets entlang der kürzesten Verbindung bewegt. Und die kürzeste Verbindung ist die zwischen Stubentür und Wochenbett. Da beißt die Maus keinen Faden ab. Auch wenn die Raumzeit lokal durch die Anwesenheit von Energie gekrümmt wird.

Der unangemeldete Besuch ist lästig. Faßt die Babys an. Nimmt sie aus dem Wochenbett. Verteilt seinen Geruch überall auf dem Fell der kleinen Katzen. Grrrr. Dreht und wendet die Kitten. Guckt überall hin. Überall! Es ist empörend. Und so überaus gewöhnlich!

„Nein, wie sind die süß, mit ihren kleinen Klappohren!“

Die Öhrchen richten sich ja erst viel später auf. Und die kleinen Ringelschwänze, zum Teil keck in die Höhe gestreckt (hier bin ich!). Die Pfoten sind nicht größer als ein Zwei-Cent-Stück. Und die winzigen Krallen sind spitz wie Nähnadeln. Das Fell ist flauschig und erstaunlich lang. Fast sieht es aus wie das Federkleid eines jungen Vogels. In einer kleinen Frauenhand haben die Babys Platz. Aber die Stimmen sind schon recht durchdringend und fordernd.

Mit großen, glühenden Argusaugen und durch das Geschrei der Zwerge äußerst beunruhigt beobachtet Coco, was mit ihren Kitten geschieht. Tut jekatze den Kleinen ein Leid an? Fügt er ihnen Schmerzen zu? Nimmt er etwa eines der Babys mit? Steckt sich jekatze ein Kitten in die Tasche? Ohne sie zu fragen? Wie? Donnerschlag! Das duldet sie nicht, das duldet sie gar nicht! Über die Ohren ihrer Kinder hat sie sich ja auch schon Gedanken gemacht. Daß die so flach anliegen. Sehr eigenartig. Aber deshalb gleich ihren Babys zu nahe zu treten? Wie?

Als ihre wütenden, orangeroten Laserblicke so völlig wirkungsfrei an den begeisterten Besuchern abperlen, springt Coco vom Kratzbaum und greift beherzt ein. Zunächst umrundet sie noch einmal den Pulk von Besuchern und versucht es mit Drohungen. Dann greift sie zur Hypnose. Und als auch das die Besucher nicht davon abhält, ihre Babys zu betrachten, zu beschnuppern und zu kneten, beißt sie einem ihrer Kinder entschlossen in den Nacken und zerrt das Kleine dem unerwünscht neugierigen Menschen aus der Hand. Für alle Fälle knurrt sie dabei noch ein bißchen und verteilt wütende Blicke. Sie ist eine erfahrene Kampfkatze. Sie neigt zum Jähzorn. Zum Beispiel jetzt!

Nach und nach sammelt Coco vom Reiherteich ihre Kinder wieder ein. Auf Diskussionen läßt sie sich nicht ein. Nein, sie macht keine Ausnahmen! Und nein, auch nicht donnerstags! Auf ihre Babys paßt sie auf. Da versteht sie keinen Spaß. Gar keinen!

Zwei Minuten später weht lautes Schmatzen aus dem Wöchnerinnenbett. Drei kleine blaue Flusenmonster drängen sich strampelnd und saugend an Cocos Milchbar.

Mit kugelrunden Bäuchen liegen die Babys dann auf dem Polster und verwandeln Kalorien in Muskelkraft. Anna Bell hat das Mäulchen leicht geöffnet und lächelt im Schlaf. Wer noch sehr gute Augen hat, kann eine winzige rosa Zungenspitze zwischen ihren Lippen erkennen. Vertrauensvoll kuscheln die drei Geschwister sich aneinander. Sie drei zusammen ergeben einen Helden. Und sie werden groß und stark sein. Eines Tages.

Ab und an zuckt eines mit dem Schwänzchen. Ab und an strampelt eins im Schlaf. Hie und da ist ein zartes Stöhnen zu hören. Boah! Wieder völlig überfressen heute! Bis zum Anschlag gesoffen. Die gute, gute Muttermilch. So reichhaltig und so wertvoll. Wie das Fell über dem Bauch spannt! Alles viel zu eng. Hoffentlich dehnt sich das noch beim Wachsen! Und die Füße reichen wieder mal nicht bis auf den Boden. Warum hat ihnen keiner gesagt, daß Großwerden soooo anstrengend ist?

Und was hätte es geändert? – Na, also!

Während die Babys in tiefem Schlummer Muskeln aufbauen und tüchtig wachsen, dreht Coco in der guten Stube eine Runde. Rauf auf den Kratzbaum. Runter vom Kratzbaum. Unter die Kommode. Hinter den Fernseher. Im Slalom um die Pokale herum. Und dann wieder auf den Kratzbaum. Auf die Dauer findet sie Kindererziehung ziemlich öde. Sie ist eine durchtrainierte, muskulöse Sportkatze, und es wird Zeit, daß sie wieder etwas für die Kondition tut. Rückbildungsgymnastik für einen flachen Bauch. Modern Walking, Catracing und Indoorklettern. Wenn man(n) sie ins Treppenhaus ließe, auch Step Aerobic. Und nicht nur lauwarme Katzenyoga wie dieser schwarz-weiße Softie, der sich gerade nebenan von Ellie of Saint Martin’s Field bei Kerzenschein und Räucherstäbchen massieren läßt. Sir Henry Veneziano von Gukamien! Muß katze den kennen? Wie? Und wieso Gracey ihr jetzt schon wieder den wertvollen Thunfisch wegfrißt? Hund und Sau! Was der denn einfällt.

Vom Kratzbaum aus hat Coco alles im Blick: ihre Babys, den zunehmend lästigen Besuch, den Sofatisch mit den Sahnestückchen, den neuen Samowar, die Schüssel mit dem Thunfisch und, wenn die Stubentür mal für einen Moment aufgeht, die beiden Kater, die immer noch im Flur auf Patrouille sind. Nascht Gracey von ihrem Futter? Schaut jekatze in das Wochenbett? Faßt etwa jekatze wieder ihre Kinder an? Quiekt da eines ihrer Babys? Ja? Reicht ein bedrohlicher Laserblick? Genügt es, wenn sie zur Hypnose greift? Fauchen? Knurren? Spucken erforderlich? Nein? Gucken die immer noch in ihr Wochenbett? Auf ihre Kinder? Und schon stürzt sich Coco aus luftiger Höhe vom Kratzbaum, schießt - mit dem Kopf voran - durch die Luft (jahrelang Kunstspringerin gewesen, an drei Olympiaden teilgenommen und Medaillen gewonnen) und landet  … mitten auf ihren zarten, quiekenden Babys. Die guckt sich keiner mehr ohne ihre Zustimmung an. Bastet!

Und dann liegt Coco, die Terrorkatze, da, die schläfrige Amanda fest im Griff, die beiden anderen an der Milchleiste angedockt. Striegelt ihre dicke, qiekende Tochter sehr rau gegen den Strich. Macht nichts, daß die jetzt wild um sich schlägt. Heftiges Striegeln gegen den Strich regt die Verdauung schön an. Na, kommt schon was? Mal feste auf den Bauch drücken. Kommt jetzt was? Ja? Fein. Ihre Tochter! Wie isse stolz auf das Kind!

Wenn der Besuch dann jetzt bitte wieder nach Hause führe. Das wäre schön. Sie möchte wieder unter sich sein. Besuch und Thunfisch stinken ja bekanntlich nach sieben Stunden. Und es ist schon bald Mitternacht.

Bitte den fremden Kuhkater im Kinderzimmer nicht vergessen. Ihr reichen Eisbär und Freddy. Noch so einen Kerl erträgt sie nicht. Und den Witz mit der Katze, die an der Bar einen Whiskey nach dem andern säuft, weil sie auch mal mit einem Kater aufwachen will, der hat einen langen Bart. Den kennt sie schon.

 

Hihihi...... ja so war der erste Babybesuch von Isabella! Danke für die schöne Geschichte die daraus entstanden ist.

Hier geht es zum Chaoskater!