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Die Weihnachtsgans

Von Conny Queren

 

Dies ist eine wahre Weihnachtsgeschichte aus dem Hause Querencastle……

 

Zum ersten Weihnachtsfeiertag lud meine Schwiegermama immer zum Festessen ein.

Meine Schwiegermama war eine begnadet gute Köchin.

Man mußte schon recht fit sein, um ein querensches Festgelage zu überstehen.

Mittags Gans mit Apfelrotkohl und Thüringer Klöße. Selbstverständlich Eis oder Vanillepudding zum Nachtisch.

Bis zum Kaffeetrinken mit Ananas-Sahne-Torte hielt man sich mit den Süßigkeiten der bunten Teller über Wasser……

Später am Abend gab man den Eingeweiden noch den letzten Rest mit Aal, Lachs und geräucherter Forelle. Da ich mich für diese Art Fischspezialitäten noch nie erwärmen konnte, rundete man zukünftig das Abendbrot mit Käse und Wurst vom Feinsten ab. Hey mir zu Liebe gab es auch Tomaten und frische Salatgurke!

Einen Gang auszulassen wäre ein absolutes “no go” gewesen!

Man stelle sich vor: Als mein Mann mich damals das erste Mal vorgestellt hat, wurde eigens für mich Ente mit Apfelrotkohl und Thüringer Klößen aufgetischt. Mitten im Sommer!!!!! Und ich hab nur zwei Klöße runter bekommen. Ohne nachzunehmen…. Welch eine Schande! Nicht das es nicht geschmeckt hätte, es war fantastisch. Natürlich ließ man mich lange nach dem Nachtisch wissen, dass die querenschen Rekorde bei der Vertilgung von Klößen bei locker 6 Stück mit Beilage liegen . Erwähnte ich schon, dass die Klößchen selbst gemacht waren und zwei von diesen klitzekleinen Dingern schon den halben Teller bedeckten? Nein?

Zurück zum Weihnachtsessen:

Pünktlich um 11:00 Uhr wurde mit der Familie gerechnet. Nicht dass das Essen schon dampfend auf den Tisch stehen würde, nein, nein…. Zur Gans und Apfelrotkohl wurden die Thüringer Klöße selbst gemacht. Ein familiäres Ritual das seines gleichen sucht. Jeder wurde mit irgendeiner Aufgabe rund um den Kloß betraut. Ich war “nur” eingeheiratet, also hab ich in den ersten Jahren mich um das Tischdecken gekümmert….. hihi… neeee …. in der kleinen Küche war einfach nicht so viel Platz für uns alle. Schwiegermuttern war immer heilfroh wenn ihr Sohn und ihr Schwiegersohn beim Pressen der Kartoffeln und Rühren des pampigen Teiges ihr halfen. Das ist immer der anstrengenste Teil.

Was für ein Augenblick, wenn alles seinen Platz auf den Teller gefunden hatte und der Festschmaus begann!!!

In dem einen Jahr meinte es Schwiegermama besonders gut und wollte die Soße nur mit dem geschmolzenen Gänsefett anrühren…. Gut das hat mal nicht geklappt!

Drama Baby, Drama!!!

Eine eingeheiratete Laborantin (myself) entfernte Literweise das Fett und kippte einfach Wasser in den Topf und schon ging die Soße in Lösung. Das hat mir den Soßenverdienstorden bei meiner Schwiegermama eingebracht! Stolz bin!!!!

In all den Jahren verpatze meine liebe Schwiegermama nicht ein Mal das Essen! Klar betonte sie immer wieder, dass dieses Mal ist dies nicht so gelungen und jenes Mal das andere nicht so gelungen sei. Fishing for Compliments, die wir ihr aber immer gerne bereitwillig gaben, die Komplimente. Ehre wem Ehre gebührt!

Eines schönes ersten Weihnachtstages, wir konnten leider erst zum Essen erscheinen und nicht vorher zur Kloßvorbereitung, trug sich folgendes zu:

Auf unser klingeln wurde die Tür aufgerissen.

Mit den Worten Scheiße, alles ist Scheiße, Weihnachten ist gelaufen und diversen anderen Tiraden und Flüchen öffnete Schwiegermama die Tür.

Shoking! Was war hier los????

Schwiegermama war so eine herzliche ältere Dame mit Stil und Ausdruck. Zu Weihnachten wurde man schon an der Tür gewöhnlich fast zu Tode geherzt.

Mit allerbesten Weihnachtswünschen. “Schön dass Ihr gekommen seid. Oh und die kleine Michelle, was ist die Süße wieder gewachsen! Ich habe vom Weihnachtsmann was ganz tolles für dich hier liegen…”

Uns fiel der leicht angebrannte Geruch schon im Treppenhaus auf. Nie im Leben dachte einer von uns daran, dass dieses oilfaktorische Erlebnis aus Männes mütterlicher Küche entstammt.

Ich hatte Mühe meine zeternde und in Tränen aufgelöste Schwiegermama in den Arm zu bekommen und nun endlich zu hören, was Grund des Unmutes war.

Bedrückte Minen bei Schwager und Schwägerin.

Da werkelten die drei schon eine ganze Weile ganz eifrig in der Küche. Ohne uns. Wir mußten ja noch kurz bei meinen Eltern vorbeischauen.

Der Apfelrotkohl schwitzte hocharomatisch im seinem Topf und wartete auf uns.

Die Thüringer Klöße, von liebevoller Hand selbst gemacht, planschten vergnügt bereits an der Wasseroberfläche rum. Die Soße war im richtigen Wasser- Gänsefett- Verhältnis angerührt worden…

und dann DAS……

Die Gans, die Gute……

Extra vom Geflügelmann gekauft und nicht aus dem Supermarkt.

Nicht, dass sie schwarz war oder eine unappetitliche Bräune gehabt hätte… so wie manch eine Blondine nach 40 Jahren Sonnenstudio….

Nein eigentlich sah sie vom Bräunungsgrad recht gut aus.

Als Schwiegermama die Gans mal anpieken wollte, platze die Gans!!! Mit einen Puff war der Traum vom traumhaft schmeckenden Gänsebraten ausgeträumt. Zwischen Haut und Knochen war nix welches man annähernd als Fleisch bezeichnen konnte.

Die fleischähnlichen Überreste waren zäh wie Gummi.

Du meine Güte warum das denn bloß? Anscheinend hatte der alte Gasherd seine Funktion mit Ober- und Unterhitze aufgegeben und nur noch die Oberturbohitze zu bieten.

Ich empfand die die ganze Situation als so urkomisch, ich mußte so lachen… Das war wie im Film “Schöne Bescherung“.

Meine Schwägerin jetzt etwas böse auf mich… Ich solle doch bedenken, dass das Essen jetzt gelaufen sei. Selbst wenn man an der Tankstelle im Minnishop das Glück haben sollte, eine tief gefrorene Ente zu bekommen, so wären die Klöße hin. Außerdem würde es Stunden dauern, bis man dann essen könnte….

Och naja, man könnte ja die Reihenfolge ausnahmsweise ändern, meinte ich.Autschn, das gab Säbelblicke von allen Seiten.Hm, dann eben nicht. Mein Mittelblondinenhirn arbeitete bereits hochtourig.Das hatte Schwiegermama nicht verdient, so eine Schmach. Festtagsessen ohne Geflügel.

Ob chinesische Lokale an den Weihnachtsfeiertagen in Hannover geöffnet hätten, wollte ich wissen. Ich erntete verständnislose Blicke.Ob Schwiegermamas Telefon funktionieren würde und wo denn die gelben Seiten liegen oder ob jemand einen guten Chinesen hier im Viertel kennen würde, wollte ich auch wissen. Die Blicke wandelten sich von “Die ist ja so was von doof, glaubt die echt wir gehen jetzt chinesisch essen?” zu “Wie genial ist das denn!”

Wir bestellten x-Mal Ente ohne Beilagen. Das Ganze aber ziemlich zügig bitte!!!

Ich versuchte zwar dem netten Mann zu erklären warum wir keine Beilagen brauchten, aber nachdem er das Xte Mal fragte “…..und sie wollen wilklich keine Beilage?” gab ich auf. Nachdem wir die Lechnung, sorry, Rechnung bezahlten ging es ziemlich zügig zurück zu Schwiegermama.

Das war ein ganz besonderes Festessen.

Nun ich gebe zu chinesisch, kross zubereitete Ente passte nicht so ganz zu unserem Festschmaus, aber es war lecker.

Schwiegermamas Verzweifelungstränen wichen Rührungstränen.

Was haben wir an jenem ersten Weihnachtstag noch darüber gelacht. Das wurde unser “running Gag” für die nächsten Weihnachtsfeste.

Die nächsten Feste fanden bei uns oder bei Schwager und Schwägerin statt. Die Hände meiner Schwiegermama wollten nicht mehr so wie Sie es gerne wollte.

So hatten wir eine kritische Beobachterin, wenn wir uns ans Klöße zubereiten machten. Unter Kennerblick meiner Schwiegermama entstanden nun in der nächsten Generation die Festessen.

 

Vor einigen Jahren verstarb meine liebe Schwiegermama. Ich bin mir sicher, immer zu Weihnachten sitzt sie auf ihrem Wölkchen und passt ausnahmsweise auf unseren Ofen mit Gans drin auf……