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Personalwechsel

Von Isabella Renitente

Drei Blaubären

Coco, die Terrorkatze, gibt sich redlich Mühe, ihre Kitten zu manierlichen Katzen zu erziehen. Sie bringt den kleinen Blaubären bei, das Katzenklo zu benutzen, Trofu zu knabbern, aus dem Brunnen zu trinken und auf den Kratzbaum zu klettern, ohne gleich wieder herunter zu fallen. Als die Kitten in die Flegelwochen kommen, übt sie mit ihnen auch Kissenbergsteigen, Sofaklimbing, Handtuch-Bungee-Jumping, Anschleichen, Antäuschen und den finalen Sprung. Und natürlich Beute verstecken. Beim täglichen Jagd-Training läuft Cocomama vor ihren Zwergen her und ermutigt sie, ihr unauffällig zu verfolgen. Tun die kleinen Blaubären das, dann schlägt sie im letzten Moment überraschend einen Haken und springt zur Seite. Jiahhh, jiahhh! Schwierig ist es, die flüchtige Beute zu erhaschen. Sehr schwierig.

Anna Bell, die Schöne, hat bald heraus, wie das mit dem Hakenschlagen geht. Objekt beobachten, Bewegungsablauf scannen, Richtungsänderung beizeiten voraussehen, Kursabweichung berechnen, Muskeln anspannen, tief Luft holen, bis zehn zählen und mit allen vier Pfoten gleichzeitig senkrecht in die Höhe springen, dabei nach Möglichkeit die Flugrichtung an den neuen Kurs anpassen. Am Dienstag übt Coco mit den Pants wieder Anschleichen, Antäuschen, Verfolgen. Als Anna Bell ihr dicht auf den Hacken ist, rennt Coco los. Kurz vor der Anrichte im Wohnzimmer springt sie wie üblich überraschend in die Luft, dreht sich um die Achse und .....prallt gegen ihre kleine Tochter. Verblüfft schüttelt die Turbokatze sich. Hey, was macht Anna Bell vor der Anrichte auf ihrer Flugbahn? Auf ihrer Flugbahn! Dreißig Zentimeter über Bodenniveau! Mit einem Salchow. Und einem doppelten Rittberger. Hölle und Verdammnis! Und, hey, hat jekatze ein schnell wirkendes Mittel gegen Kopfschmerzen? Was das Kind aber auch wieder für einen harten Schädel hat!

,,Boah, ey” meint der kleine Anton, ,,Cooler Sprung. Ein Toeloop vom Feinsten! Fast so hoch wie Mama!”

,,Abgefahren. Total abgefahren!” stimmt die dicke Amanda zu. ,,Ein Flip. Oder ein Axel.”

,,Eisbär hält sich da raus. Ihm ist es egal, ob es ein Toeloop, ein Rittberger, ein Salchow, ein Flip, ein Lutz oder ein Axel war. Er hat mächtig Hunger und ist jetzt nicht ansprechbar. Und der schwarze Freddy hat sich für alle Fälle in den tiefdunklen Schatten der Anrichte zurückgezogen, hält die Luft an und macht sich so flach und so unsichtbar wie möglich.

Da muß sie sich jetzt aber dringend einen neuen Hackentrick ausdenken, überlegt Coco, die Turbokatze. Daß Ihre Tochter aber auch so schnell lernt. Ein Jet Button. Alle Wetter. Wer hätte das gedacht. Und so ein harter Schädel. So ein harter Schädel! Von wem das Kind den nur hat! Und was jetzt ist mit den Kopfschmerztabletten, will sie wissen.

Amanda & Koko

Eisbär geht das Gewusel der drei kleinen Blaubären zunehmend auf die Nerven. Es ist so bitter, wie die mit fettem Kittenfutter und Leckerchen verwöhnt werden. Coco wird mit Kalorien gemästet. Freddy und Gracey bekommen alle Köstlichkeiten, die sie sich wünschen. Und er? Die graue Eminenz in der Familie? Der Patriarch? Der Alphakater? Er, vor dem Freddy von der roten Bartnelke kuscht? Er ißt auf Diät! Das ist so gemein

Dauernd rennen ihm die Blaubären vor den Pfoten herum. Liegen auf seinen Lieblingsplätzen. Rempeln ihn an. Kicken Bällchen durch die Gegend. Lassen dann überall Spielzeug liegen. Räumen nicht auf. Schleudern Streu aus dem Klo. Klettern auf alle Möbel. Raufen miteinander. Zerren an den Gardinen. Beißen in die Polster. Tollen herum, wenn er schlafen will. Quasseln ohne Ende. Einer schlimmer als die Andere. Und alle durcheinander. Boah, gehen ihm die Blaubären auf die Puffer! So auf die Puffer! Stehen ständig im Mittelpunkt. Stän-dig! Und er? Wer beachtet ihn? Wie?

Das muß sich ändern. Unbedingt! Und deshalb schleicht Eisbär von Schmusekatz und Klau eines schönen Tages in einem vermeintlich unbeobachteten Moment ins Wohnzimmer, quetscht sich, so gut das mit seiner XXL-Silhouette geht, an dem großen Kratzbaum am Fenster vorbei, preßt den Hintern an die zarte, geraffte Voilegardine, stellt den bereits erwartungsvoll zitternden Schwanz senkrecht auf, nimmt Maß, atmet tief ein, zählt bis drei und drückt ab. Und das mit dem Gesichtsausdruck tiefster Befriedigung. Denen hat er es aber besorgt. Denen hat er es gründlich besorgt. Und die werden schon sehen, was die davon haben. Das werden sie schon sehen.

Coco, der aufmerksamen Turbomutter, ist die Protestaktion hinter dem Kratzbaum nicht verborgen geblieben. Und sie ist sauer. Sie ist mächtig sauer. Da pinkelt der Alte, dieser Stinker, doch glatt an die Gardine! An die Voilegardine! Die sonst keiner anfassen darf. Vor den Augen der Kinder! Wo sie doch so auf gepflegte Wohnkultur bedacht ist und versucht, die Blaubären zu kultivierten Katzen zu erziehen. Ihnen Manieren und gehobene Lebensart beizubringen. Und da macht der Alte ihre pädagogischen Bemühungen zunichte. Katze faßt es nicht! Hund und Sau!

Schnell hat sich in der Familie herumgesprochen, daß Eisbär eine Sauerei hinter dem Kratzbaum veranstaltet hat. Und als Eisbär nichtsahnend mit geschwollenem Kamm und dem Siegergrinsen der Genugtuung aus der Deckung hervorkommt, empfängt ihn eisiges Schweigen.

Gefährlich ist es, den Leu zu wecken.

Coco, Gracey, Freddy und sogar die Pants starren den dicken alten Kater vorwurfsvoll an. Boah! So ein Schwein! So ein Nestbeschmutzer! Ein Gardinenpisser! Und ehe Eisbär weiß, wie ihm geschieht, stürzt Coco, die Turbokatze, sich auf ihn und versohlt ihm ... zang! .... ordentlich den Hintern. Zang .... tritt sie noch einmal nach! Und .... zang! .... noch eine Kopfnuss. Einen Schwinger auf das Kinn! Und einen in die Flanke. Ob er weiß, wie sich tausend Nadelstiche anfühlen, will sie wissen. Wie?

Gracey und Freddy schließen sich der Bastonade an und verpassen Eisbär ..... zang! einen Satz heiße Ohren und .... zang, zang! .... ein paar Pfotentritte in den Allerwertesten. Hey, so ein Schwein! An die Gardine zu pinkeln! Boah! Wie das jetzt müffelt! Und noch ein Bodycheck! Für alle Fälle konfiszieren sie auch gleich Eisis Abendmäuse, wobei sich überraschend die Futtermenge deutlich verringert. Geschieht dem Alten recht, wenn er nachts Kohldampf schiebt. Geschieht ihm ganz recht. Gardinenpisser!

Gracey und Freddy sind schnell fertig mit dem dicken Eisbär. Die wütende Coco aber läßt erst von dem alten Kater ab, als der mit hängenden Ohren und zutiefst beschämt davon trottet.

,,Na?”  fragt die Turbokatze in die Runde, ,,Noch  jekatze ohne Fahrschein? Wie?”

Aber, nein, niemand möchte sich jetzt mit der wütenden Turbokatzenmutter anlegen. Und eigentlich haben ja auch alle dringend etwas zu erledigen, ganz dringend. Blitzschnell ist der Rest der Katzenfamilie verschwunden, auch die Blauären. Ein wirklich blütenreines Gewissen hat bei genauer Betrachtung ja keiner von ihnen (Wer hat die Fäden aus Connies neuem Pullover gezogen? Und wer hat auf ihrer frisch gebügelten Bluse gelegen?). Und da ist es besser (wer hat seine Mine im Klo mal wieder nicht verscharrt?), es nicht auf eine genaue Betrachtung ankommen zu lassen. ,,Kater sind Schweine!” brummt die Turbokatze. Und wo der Catdancer schon wieder abgeblieben ist, Hölle und Verdammnis! Sie müßte jetzt ganz dringend mal ihre überschüssigen Kampfhormone abtrainieren. Ganz dringend.

 

Als die Blaubären 15 Wochen alt sind, kommt der Tag des Abschieds. Die drei dürfen noch mit nach Bremen zur Katzenausstellung, den Duft der großen, weiten Welt schnuppern. Und dann wird es ernst. Am Montag bringen Querencastles Anton und die dicke Amanda zu Thomas, Bärbel und Andre nach Bad Nenndorf, in ihr neues Zuhause.

Connie und Holger ist ein wenig blümerant zumute, als sie die beiden Babes aus der Transportkiste lassen. Und es kränkt sie schon sehr, zu sehen, mit welch großem Vergnügen Anton und Amanda sich auf den Weg machen, ihr neues Revier zu erkunden. Das neue Personal (20 Jahre Katzenhaltererfahrung) hat aber auch wirklich an alles gedacht: ein neuer Kratzbaum, ein modernes Haubenklo, eine weiche Kuscheldecke, jede Menge Spielzeug, gemütliche Schlafplätze, gefüllte Wasserschalen und volle Futternäpfe. Es ist alles da, was ein kleines Katzenherz begehrt.

Thomas, Bärbel und Andre lieben Antiquitäten. Im Wohnzimmer steht eine wunderschöne Anrichte. überall Windlichter und zerbrechliche, alte Sammlerstücke. Zum Teil echte Raritäten. Und das ist ihr ganzer Stolz. Noch.

Zwischen Fernseher und Sofa ein ausgestopfter Dachs mit Glasaugen. Ein Stück weiter ein präparierter Fuchs. An den Wänden sogar ein toter Greifvogel, der erkennbar schon einige körperliche Begegnungen mit einer Katze hinter sich hat, ein präparierter Marder und ein mumifiziertes Eichhörnchen. Auch sie beide deutlich kampferprobt. Ein weiterer ausgestopfter Greifvogel residiert im Flur. In der Vitrine eine kleine Urne und ein Foto der vorherigen Katze.

Der dicken Amanda ist das nicht so ganz geheuer. Wo sie hier gelandet ist, will sie wissen. Und ob sie etwa auch ausgestopft und mit Glasaugen an die Wohnzimmerwand genagelt wird. Also, das hätte sie nicht so gern. Nein, das hätte sie nicht so gern. Und das mit der Urne, das hätte in ihrem Fall auch noch Zeit.

Anton hingegen, nicht bange, trabt auf den Dachs zu und stupst ihn an. ,,Hey, Kumpel, wer bist denn du?”

Der Dachs hüllt sich in Schweigen.

,,Hey, Kumpel, wie heißt du?”

Das behält der Dachs lieber für sich.

,,Blöder Kerl!” brummt der kleine Anton. Aber den wird er schon noch zum Reden bringen, den bringt er zum Reden! Eines Tages! Ganz bestimmt.

Die dicke Amanda strahlt. Ihr großer Bruder! Wie isse stolz auf den! Wie der wieder rangeht! Boah! Furchtlos und unerschrocken. Und wie es aussieht, wird er jetzt hier der neue Alphakater sein. Und sie die Alphakatze. Keine Cocomama, die die beiden ständig mit Laserblicken verfolgt und dauernd motzt. und Kopfnüsse verteilt. Oder einfach nur nervt, wie Mütter das eben so tun. Keine Gracey, die sich über die Spielsachen der Babes hermacht und die Fellbällchen abschleppt oder auf den Federbuschangeln herumkaut. Kein Eisbär von Schmusekatz und Klau, der ewig Kohldampf schiebt und ihnen jeden Bissen geifernd ins Maul zählt. Und kein schwarzer Freddy von der roten Bartnelke. Aber der sitzt ja sowieso immer im tiefen Schatten unter der Anrichte oder unter dem Sofa oder unter dem Bett und ist nicht zu sehen. Und hören tut katze ihn auch nur, wenn ihn die Hormone quälen. Seine und die der Damen.

Das neue Personal in Bad Nenndorf scheint ziemlich okay zu sein. Hey, die krabbeln doch tatsächlich mit maximaler horizontaler Kieferdehnung auf allen Vieren auf dem Boden herum und spielen Kitten! Rufen ,,Utziputzi!” oder ,,Miezmiez!” oder so ähnlich! Nennen Anton ,,Antönnchen” und die dicke Amanda ,,Mandileinchen” oder ,,Mausi” Haste Töne! Und schnalzen mit der Zunge. Oder machen seltsame Geräusche, die sie für Miauen halten. Mal den Trick mit dem Fiepsen versuchen. Hurregottneja! Es funktioniert. Kaum fiepst einer der beiden kleinen Blaubären, da rennen die Nenndorfer Domestiken auch schon und apportieren Bällchen und Bänder oder Plüschmäuse oder klappern mit der Leckerli-Schachtel und fällen die Futterschüsseln. Bergeweise exquisites Trofu. Irgendwo duftet es nach Thunfisch und nach Lachs mit Reis. Und, hey, die haben sogar Käsecreme und Trockenfische als Amuse Geule vorrätig. Boah, ist das ein Service. Cool!

Das Nenndorfer Personal ist begeistert. Zwei so süße, kleine Katzen! Allerliebst! Wie haben sie sich auf die gefreut! Und wie haben sie die letzten Stunden gezählt! Ab Freitag. Da sind Thomas und Bärbel dann für alle Fälle noch nach Bremen zur Ausstellung gefahren, einmal am Samstag und einmal am Sonntag. Bei strömendem Regen und hohem Verkehrsaufkommen. Und kilometerlangen Baustellen. Nur um die Kleinen zu sehen. Schon mal ein bißchen anfassen und streicheln und beim Defile vor dem Richtertisch die kleinen Plüschkugeln in den Armen halten. Ein bißchen an dem weichen Fell schnuppern. Die weichen Pfoten massieren. Ach, wie sind sie süß, die Blaubärchen. So herzig. So putzig. Und jetzt sind die beiden Kleinen da. Jetzt sind sie wirklich da, in Bad Nenndorf. Bei Thomas, Bärbel und Andre. Nein, wie isses schön!

Anton

Während Connie und Holger dann zu Hause lustlos in ihrem Abendbrot herumstochern, tagt unter dem Sofa der Familienrat. Coco, Gracey und Anna Bell haben die ganze Wohnung nach den beiden abgängigen Blaubären abgesucht. Es besteht kein Zweifel, Anton und Amanda sind nicht mehr da. Ab sofort wird Anna Bell Einzelkitten sein und Cocos geballte Erziehungsmaßnahmen ungeteilt genießen dürfen. Eisbär trägt ein breites Grinsen zur Schau, ein sehr breites Grinsen. Er hat jetzt endlich seine Ruhe und schwört, nie wieder gegen die Gardine zu pullern. Gracey darf wieder mit den Bällchen spielen und mit Anna Bell durch die Wohnung toben und so tun, als sei sie erst drei Monate alt. Und Freddy hält sich da raus. Er bleibt unter der Anrichte. Oder unter dem Bett. Und muckst sich nicht. Wie immer.

 

Am Dienstagmorgen kurz vor vier kommen auch die Nenndorfer in der Wirklichkeit an. Anton tobt brüllend durch die Plümmos. Und die dicke Amanda lamentiert. Sie ist von den Querencastles daran gewöhnt, um diese Zeit gefüttert, gekrault und gestreichelt zu werden. Was das denn hier für ein mieser Service ist, will sie wissen. Es ist kurz vor vier morgens und das neue Personal liegt noch im Bett? Das liegt im Bett? Echt? Schweigend? Und untätig? Keine Pfotensohlenreflexzonenmassage? Kein ayurvedisches Stirnfaltenkraulen? Keine Leckerchen? Keine Frühstückchen? Wie? Also, das ist unerhört. Das ist wirklich unerhört! Und das wird sie nicht ohne lautstarken Protest hinnehmen. Auf gar keinen Fall!

Da wird katze aber noch sehr an der Erziehung der neuen Domestiken arbeiten müssen. Und viel Geduld haben, ganz viel Geduld. Menschen können ja so schwer von Begriff sein.

 

Bei den Querencastles findet katze an diesem Morgen überraschend im Kalender ein paar neue Kratzer bei ,,Mo 7. Dez.”. Bei genauer Betrachtung könnten es drei kleine Kreuze sein. Keiner in der Familie räumt jedoch eine Tatbeteiligung ein. Wer hat hier nach dem Auszug der Blaubären heimlich drei Kreuze gemacht? Wie? Die Spurensicherung ergibt keine verwertbaren Erkenntnisse. Die Beweislage ist ungeklärt. Es läuft, wie so oft im Querencastle, auf ein non liquet hinaus.

Es ist eigentlich alles wie immer im Querencastle.

Hund und Sau!

Anton

Amanda

Danke für die schöne Auszugsgeschichte Isabella!

Anton und Amanda haben ein sehr schönes Zuhause mit sehr, sehr lieben Personal gefunden. Wir wünschen den beiden Fellnasen ein langes, zufriedenes und gesundes Katzenleben an der Seite ihrer neuen Dosis!