siegel_felidae_neu2

Wenn die Liebe hinfällt

Von Isabella Renitente

Nach reiflicher Überlegung hatten sich Querencastles im Frühjahr entschlossen, Coco vom Reiherteich zu Dr. Takoda nach Bassum zu schicken. Sie hat dort an den Seminaren  ,,Katzenknigge” und ,,gewaltfreie Kommunikation” teilgenommen und sich einer Gruppentherapie zur Schulung sozialen Verhaltens unterzogen. Mit mäßigem Erfolg. Coco hat zwar gelernt, sich wie eine Dame zu benehmen. Sie war kaum wiederzuerkennen, war wie ausgewechselt. Nett zu Eisbär von Schmusekatz und Klau (Was ist eine Gewährleistungsfrißt?). Friedfertig gegenüber Freddy von der roten Bartnelke, dem Mantakater. Und tolerant zu der kleinen Grace Kelley, der neuen Aquarellkatze. Coco und Freddy lagen sich verliebt in den Pfoten und sahen sich tief in die schönen Augen. So war es am ersten Tag nach Cocos Heimkehr.

Dann, nachts, poltert es plötzlich irgendwo in der Dunkelheit. Es kratzt und scharrt. Zang! Da fliegt eine Tatze. Zang, zang! Ein Trommelwirbel aus Tatzen. Irgendwo fällt einer der Pokale um. Zang! Es scheppert. Ein tief fliegender Mantakater verschwindet im Schatten der Nacht und preßt die Augen ganz fest zu. Ein kleiner blauer Schatten huscht hinterher. Zang! Stöhnen. Zang, zang! Es ist wie immer. Kater sind solche Schweine! Willkommen in der Wirklichkeit.

Nun warten Querencastles ja schon seit einem Jahr so überaus sehnsüchtig auf eigene kleine Castlebären. Sie ermahnen Coco daher eindringlich, sich zusammenzureissen und Freddy von der roten Bartnelke äußerst pfleglich zu behandeln. Stress sei nicht gut für die feline Potenz.

An ihr liege es nicht, wenn es mit den Babys nicht klappt, meint Coco darauf schnippisch. Wirft sich auf den Boden, rollt sich hin und her, klappt den Schwanz verführerisch zur Seite, verströmt Sexualpheromone und grölt. Freddy, von Cocos Schanell Nr. 6 völlig betört, weiß vor lauter Aufregung wieder mal nicht ein noch aus. Vor allen nicht ein. Und die sichtlich genervte Coco gurrt und lockt und grölt.

,,Komm her, Du großer, starker, wilder, schwarzer Tiger. Komm her! Gibs mir! Gibs mir heftig! Wow!”

Mit großen Augen hockt die kleine Grace hinter einem von Cocos Hochglanzpokalen. Ob die freche blaue Terrorkatze nicht ganz dicht ist, will sie wissen. Gracey ist ja einiges aus ihrem Elternhaus in Bassum gewöhnt: Katzen, Kater, Hunde, Kinder, Staubsauger! Aber so eine grölende, fauchende Prügelkatze wie Coco? Boah. Die hat ja wohl ein Rad ab. Die riecht auch bißchen seltsam (Was sind Pheromone?). Und wieso hält die dauernd den Schwanz so komisch schief. Völlig daneben.

Eisbär hält sich da raus. Aber er denkt sich seinen Teil.

Mit der Zeit geht Rolling Coke allen ein bißchen auf die Nerven. Der Familienrat tagt. Es muß etwas geschehen. Dringend. Und unverzüglich. Die Abstimmung bringt einen klaren Beschluß. Für Coco wird eine Woche Catness in Bassum gebucht. Ein bißchen Tapetenwechsel und Luftveränderung für die Terrorkatze wird allen Querencastles gut tun. Und Dr. Takoda, der erfahrene Catnizer (jung, dynamisch, drahtig, durchtrainiert), hat noch Termine frei.

Als Coco mit gesträubtem Fell und wütenden Laserblicken in Bassum aus dem Katzentaxi steigt, reißt Dr. Takoda überrascht die Augen auf. Ahhhhh! Damenbesuch! Für Ihn! Ein sehr attraktiver Damenbesuch. Wie überaus angenehm. Und was für ein verlockender Dufffft! Dr. Takoda wirft sich in die Brust und bläst die Katerbacken auf. Der wird er zeigen, wo der Frosch die Locken hat. Wenn er sich das Analgesicht der Dame dann bitte mal genauer ansehen dürfte, ja?

Wenn der noch einen einzigen Schritt in ihre Richtung macht, faucht Coco empört, dann kann er sich ein neues Gesicht schneidern lassen.

,,Was haben wir denn da? Eine kleine Widerspenstige!”, frohlockt Dr. Takoda. Das macht ihn an, das macht ihn mächtig an. Er liebt kleine Kratzbürsten. Sich erst ein bisschen zieren. Und dann ...dann...! Huahhh! Diese kleinen spitzen Öhrchen. Die zierlichen Pfötchen. Das süße blaue Näschen. Allerliebst. Und dieser betörende Duft. Huahhh! Die ist sein Typ. Die ist ganz entschieden sein Typ!

Takoda!

,,Noch ein Schritt weiter, und ich mache Brekkies aus dir!” kreischt Coco.

,,€žHallooo! Das ist ja ein ganz steiler Zahn! So eine kleine, scharfe Kratzbürste! Huahhh!”

Und das macht ihn mächtig an. Mit geschmeidigen Schritten und swingenden Hüften (shadubduduyeah) umrundet Dr. Takoda die fauchende kleine blaue Edelkatze. Schaut ihr tief in die Augen, ganz tief in die Augen. Hypnose gehört zu seinen Spezialitäten. Vor allen bei den Damen.

,,Hau ab, du stinkender, geiler Bock!” spuckt die kleine Terrorkatze. Für alle Fälle kneift sie schon mal den Schwanz zwischen den Hinterbeinen ein und spannt die Pobacken ganz fest an. Der kommt ihr nicht zu nahe, der nicht! Kater sind solche Schweine!

,,Hey, du bist ja eine ganz scharfe Nummer!” raunt Dr. Takoda. ,,Komm, meine Süße, komm her. Ich beiße dich ein bisschen in den Nacken. Das tut gut. Das tut sehr gut. Komm zu Tako. Komm zu catnizing Tako! Huahhh!”

,,€žVerzieh dich, du Sack!” brüllt Coco zurück. ,,Ich habe Migräne! Und ich will keinen Sex! Verstehst du? No Sex? Nix Nackenbiß! Nix am Ohre! Kapische? Also, wenn du deine Bommeln noch für was anderes brauchst, als überall feuchte Katzenstreu zu verteilen, dann komm mir bloß nicht zu nahe! Hörst du?”

Und dann verschanzt sie sich hoch oben auf dem Kratzbaum. Kater sind solche Schweine!

,,€žNoch einen einzigen Schritt und du kannst im Mädchenchor heulen!”

Zur Sicherstellung seiner fortbestehenden Zeugungsfähigkeit wird Dr. Takoda vorübergehend ins Gäste-WC evakuiert. Dort sitzt er und singt herzzerreißende Arien. La donna e mobile (die Dame ist beweglich) aus Riegelotto. An seiner Stelle soll Don El Corazon vom Asbachuraltschloss, ein internationaler Champion in Cinnamon-white mit seelenvollen braunen Augen, den Damenservice übernehmen. Sein Auftauchen wirkt sich äusserst günstig auf Cocos Befindlichkeit aus. Die Migräne ist schlagartig verschwunden und Coco in Stimmung.

El!

,,Oh, boah! Hat der einen Knackarsch! Cooler Typ. Voll krass!”

Don El Corazon ist eher ein stiller, kultivierter, sensibler Kater, ein lyrischer Typ mit Hang zur Romantik. Er liebt es, mit der Katze seines Herzens zu kuscheln, ihr Gedichte vor zu gurren, mit ihr herum zu tollen, Verstecken und Fangen zu spielen. Ein One-Hour-Stand ist nicht sein Ding. Beim besten Willi nicht. Als er die Terrorkatze mit den glühenden Augen und dem gesträubten Rückenfell sieht, schüttelt er daher bedauernd den Schwanz. Sorry, so sorry. Dringende Termine. Unaufschiebliche Geschäfte, die seine persönliche Anwesenheit zwingend erfordern. Er stünde gern für den Catservice zur Verfügung. Aber leider...! Leider! Leider ist er momentan zur Gänze unabkömmlich.

,,Blöder Kerl!” schnauft Coco. Und was der sich wohl einbildet. Ob der nicht weiß, wen er vor sich hat. Sie ist Coco vom Reiherteich. Die mit dem schweineteuren Straßhalsband! Zwei Mal Ehrenpreis, fünf Mal Best of Best, vierzehn Mal Best in Show, sechsundzwanzig Mal nominiert für Best in Show, neunzehn Mal Best in Variety, einmal Sonderpreis, fünf Mal CACJ, zwei Mal V1, zwei Mal V2, Allbreed-Ring: einmal erster Platz, einmal zweiter Platz, vier Mal fünfter Platz, einmal Sonderpreis für höchste Punktzahl 2008 im Felidae e.V.. Und dann kommt so ein Latino-Schnösel und macht auf sensibel. Auf sen-si-bel! Auf Dichter und Denker! Und auf verfeinerte Manieren.

,,Leider momentan zur Gänze unabkömmlich”, äfft sie Don El Coranzon nach. So ein Snob! Sie faßt es nicht! Wo sie doch eigentlich ihre Migräne hat! Heftige Migräne, Hund und Sau! Allerpfote das, al-ler-pfo-te!

Da taucht Klein Dudley auf. Neun Monate alt, blond, keck, neugierig, wissbegierig, unerschrocken und interessiert an allem, was verboten ist. Auch an Catnizing. Vor allem an Catnizing. Da hat er schon mal unter dem Sofa gelegen und heimlich beobachtet, was das ist und wie das geht. Wow! Und wenn er meint, keiner sieht hin, übt er schon mal ein bisschen mit den anderen kleinen Katerjungs. Jagen, Fangen, Aufspringen, Nackenbiß, Reiten. Bis dahin kommt er immer. Nur, wie geht es dann weiter? Was, Hund und Sau, macht kater danach mit einer Katze?

Dudley!

Klein Dudley soll nun Gelegenheit haben, das herauszufinden. Und was gibt es Schöneres für einen jungen, aufgeweckten Katerjungmann als Kerzenschein, Räucherstäbchen, sanfte Musik und eine bildschöne, erwachsene, erfahrene, selbstbewußte .... Genau! Solange es nicht gerade ausgerechnet Coco, die Terrorkatze ist!

Dudley sieht Coco.

,,Wow! Cool! Steiler Zahn!”

Coco sieht Dudley.

,,Was ist das denn? Ist das überhaupt schon abgenabelt?”

Dudley sieht Coco an.

,,Boah! Das glaubt mir nachher doch wieder keiner! Hat mal jemand eine Kamera zur Hand?”

Coco sieht auf Dudley herab. Ist das da ein Milchtritt, was das Tier jetzt zu ihren Pfoten veranstaltet? Will das bei ihr andocken? Soll sie das etwa adoptieren? Wie? Den Dreimäusehoch. Ja? Hä?

Dudley ist jetzt deutlich verunsichert. Wieso knurrt die hübsche blaue Katze ihn an?

,,Mama?”

Und dann kreischt Coco los. Sie will Babys und dann mutet man(n) ihr so einen halbwüchsigen Dreimäusehoch zu, der noch feucht hinter den Ohren ist und der bei ihrem Anblick gleich nach seiner Mama ruft! So ein Weichei! Ob die hier alle spinnen oder wie. Sie will nach Hause! Sofort! Zu Freddy und Eisi. Sie hat ein gesträubtes Nackenfell und Migräne. Und das macht sie unberechenbar. Und zu allem fähig. Zu allem!

Dem kleinen unternehmungslustigen Dudley rast das Herzchen in der Hose. Er hat das Maul voll. Catnizing! Ganz schön blöd. Was die Großen daran nur immer finden. Echt öde!

,,€žMama! Ich will hier raus!”

Man(n) sortiert also die Katzen neu. Klein Dudley wird mit Dr. Takoda und dem Hund in der Küche untergebracht. Und Coco wird über Nacht bei dem stillen, sensiblen Don El Corazon einquartiert. Vielleicht ... vielleicht finden die beiden ja doch noch zueinander. Das gäbe dann wundervolle bunte Babys.

Bei einer Sicht- und Funktionskontrolle am sehr späten Abend werden in der Hochzeitssuite überraschend frische Blutspuren gefunden. Allseits helle Aufregung! Was hat Don El Corazon, der Wüstling, der zarten Coco angetan? Dieser Grobian! Da kommt eine teure, preisgekrönte Edelkatze zum Catnizing zu Besuch, und dann geschieht so ein Malheur. So ein Malheur! Ohgottogott! Wer hätte das von dem sensiblen, wohlerzogenen Don El Corazon gedacht? So schön. So wild. Und so unberechenbar. Die kleine, zarte Katze so zu beißen. Wie bringt man(n) das Querencastles möglichst schonend bei? Und welcher Tierarzt hat um diese fortgeschrittene Stunde Dienst? Hat jemand die Rufnummer des tierärztlichen Notdienstes? Oder fährt man(n) Coco besser gleich in die Klinik?

Coco sitzt derweil in der Kratzbaumhöhle und stinkt vor sich hin. Blöder Laden hier. Sie hat Migräne, und sie will nach Hause zu Freddy und Eisi. Sofort!

Erfreulicherweise stellt sich bei der unverzüglich eingeleiteten Spurensicherung heraus, daß Coco vom Reiherteich völlig unverletzt ist. Sie hat nicht einen einzigen Kratzer. Aber Don El Corazon ist übel zugerichtet. Seine Pfote ist verletzt, und er blutet heftig. Für ihn ist die Nacht gelaufen. Kein zehn Mäuse bringen ihn mehr in Cocos Nähe. Er hat das Maul voll. Bastet!

Die Katzen werden also wieder neu sortiert: Der Hund bleibt in der Küche. Dudley schläft für alle Fälle bei seiner Mama. Coco kommt in Beugehaft ins Hochzeitszimmer. Und Don El Corazon darf zum Kuscheln und zur Pfotenpflege ins Ehebett. Dr. Takoda zieht zunächst in sein Appartement und wechselt dann, als Coco sich wieder beruhigt hat, ins Hochzeitszimmer.

Eineinhalb Stunden später scheppert und kracht es in der Hochzeitssuite. Man(n) findet Coco deutlich mißgestimmt (the queen is not amused) im Futternapf liegend und giftige Laserblicke verteilend. Dr. Takoda schwört, Coco in keinster Weise belästigt zu haben. Coco macht von ihrem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch. Die Sachlage ist unaufgeklärt. Zeugen sind nicht vorhanden. Niemand hat gesehen, was wirklich geschehen ist. Videoaufzeichnungen gibt es nicht. Sie hätten auch gegen Art B 175/98 Absatz 3 Satz 6 der Europäischen Konvention zum Schutz der Katzenwürde verstoßen. Die Spurenermittlung führt nicht zu verwertbaren Erkenntnissen. Es läuft wieder einmal auf ein ,,€žnon liquet” hinaus.

Coco reist vorzeitig wieder ab, nachdem sie eidesstattlich versichert hat, Dr. Takoda, Don El Corazon und Dudley nie wieder tätlich anzugreifen und binnen zwei Monaten nachweislich einen Auffrischungskurs zum Thema ,,Gewaltfreie Kommunikation”  und ,,Katzenknigge” zu absolvieren.

Durch anklicken der Bilder, kommt ihr in das Zuhause der Katzen!

Liebe Isabella,

vielen lieben Dank auch für diese absolut wahre Querencastlegeschichte!

Hier geht es zu Isabella´s Chaoskater!